Ich bin der Meinung, dass ein perfektes Modefoto nicht wie ein Modefoto aussieht, sondern eher wie ein Foto aus einem Film, ein Porträt oder ein Erinnerungsfoto – irgendwie, nur nicht wie ein Modefoto. (Helmut Newton)

A gun for hire nannte sich Helmut Newton gelegentlich selbst: Jemand, der im Auftrag von Modelabels, Badenwannenherstellern oder Baumärkten deren Produkte ablichtete und so ungewöhnliche Bilder entstehen ließ, mit denen er die Mode- oder Webefotografie revolutionierte. Mehr als 100 solcher Aufnahmen aus den vergangen zwei Jahrzehnten, die bisher nicht im Museumskontext präsentiert wurden, sind nun unter dem Titel A gun for hire in der Helmut Newton Stiftung ausgestellt: Modebilder für Chanel, Yves Saint Laurent, Versace, Blumarine oder Thierry Mugler, ergänzt durch Aufnahmen, die für den redaktionellen Teil der unterschiedlichen Ausgaben der Vogue oder für andere Auftraggeber entstanden.

Helmut Newton hat es als Fotograf im Spannungsfeld von Kommerz und Kunst stets vermocht, zu überraschen und zu polarisieren. In den Redaktionen vieler Zeitschriften fand er verbündete kreative Geister, die auf seine ungewöhnlichen Bildideen eingingen. So entstand nicht nur ein außergewöhnlich charakteristisches und erfolgreiches Bildwerk, sondern eines, das über die Verbreitung durch die Magazine ein Millionenpublikum erreichte. Sein genreübergreifendes Arbeiten, das sich über fünf Dekaden erstreckte, entzieht sich jeder Kategorisierung; der Fotograf überraschte seine Auftraggeber, sein eigenes Team und wohl auch sich selbst immer wieder aufs Neue. Seine Modebilder unterstützen einerseits den Stil der Modehäuser, etwa klassisch-traditionell für Chanel, andererseits waren sie dem Zeitgeist mitunter voraus. Interessant sind innerhalb dieser Ausstellung Vergleiche zwischen Newtons Inszenierungen für die jeweiligen Labels, die ganz offensichtlich verschiedenartige Accessoires und Hintergründe, ja eine individuelle Bildsprache erforderlich machten.

Helmut Newton verdankte seinen unvergleichlichen Erfolg der „Konsumgesellschaft“, wie er konstatierte, keinen Stiftungen oder Museen. Die redaktionellen Seiten der Modezeitschriften empfand er als „eine Art Labor“, in dem er regelmäßig „neue Ideen ausprobieren“ konnte. So vermied er es, „Fotos für die Schublade“ zu produzieren, vielmehr erreichte er sein selbst gestecktes Ziel, „dass möglichst viele Leute sie sehen.“ Der vom Auftraggeber vorgegebene Rahmen und das zur Verfügung stehende Budget waren die Eckpunkte seiner kommerziellen Fotografie, die es ihm auch ermöglichte, andere Projekte zu realisieren.

Helmut Newton hat stets betont, wie sehr ihn starke Frauen faszinieren. Mit einer seiner letzten Aufnahmen, redaktionell für die amerikanische Vogue entstanden, führt er uns ein besonders eindringliches Beispiel vor Augen: Eine leicht bekleidete, schlanke Frau steht auf dem Plateau eines Steinbruchs und ist im Begriff, einen riesigen Felsbrocken auf den Betrachter zu schleudern. Eine archaische Kraft scheint diesen Körper beseelt zu haben, die körperliche und inhaltliche Spannung ist auf dem Höhepunkt, kurz vor der Entladung.

Andere Modelle verhalten sich in Newtons neuer Ausstellung kultivierter oder lasziver, posieren stolz vor ausufernden Blumenbouquets in ihren blumigen Blumarine-Kleidern, auf durchsichtigen Aufblasmöbeln sitzend in transparenten Gummikostümen von Redwall oder betend, als Nonne verkleidet, im weißen Kostüm von Mugler. Für Yves Saint Laurent dagegen schaute Newton Anfang der Neunzigerjahre in den eleganten Alltag eines großbürgerlichen Lebens. Er schuf mit wenigen ausgewählten Accessoires eine Atmosphäre, die Schein und Sein eines luxuriösen Daseins vereinte.

Insbesondere in Monte Carlo, wo Newton seit Anfang der Achtzigerjahre lebte und öffentliche Plätze zu einem Freiluftstudio umfunktionierte, entstanden in den vergangenen zwanzig Jahren viele Bilder in gewohnter Umgebung: Er fotografierte in der eigenen Wohnung oder in der Tiefgarage seines Apartmenthauses, im Monte Carlo Beach Club oder auf den unzähligen Baustellen in Monaco. Newton liebte die Kontraste, wechselte hemmungslos die Hintergründe und zeigte exklusive Mode vor verrosteten Baumaschinen oder vor Betonwänden, die uns das Mittelmeer nur ahnen lassen.

Hinter seinen sinnlichen Visualisierungen der unterschiedlichsten Couturier-Entwürfe steht stets eine bewusste Haltung: konsequente Auftragserfüllung und freie Interpretation der jeweiligen Modelinie zugleich. Die Selbstcharakterisierung als A gun for hire ist dabei ein ebenso offenes wie provokantes Statement.

Die Geschichte der Modefotografie ist nicht von der Geschichte der Medien zu trennen, für die sie entstanden ist; mit Pages from the Glossies führte Newton anhand facsimilierter Doppelseiten beides wieder zusammen. Die aktuelle Ausstellung A gun for hire aus Newtons Nachlass zusammengestellt, hinterfragt nun auch das Verhältnis von Auftrag und künstlerischer Kreativität.

Macht, Eros und Gewalt sind auch hier sein Thema: einmal steht Newton mit seinem Fuß auf dem Arm eines Modells, ein anderes Mal schiebt eine am Boden liegende Frau ihren Fuß in die Genitalregion des Fotografen. Blickwinkel und Bildausschnitt lassen uns zu Voyeuren oder Komplizen werden, zur Perspektivfigur des Fotografen. So zwingt uns Newton mit einigen seiner Auftragsbilder aus einer passiven, nur konsumierenden Haltung heraus und eröffnet uns – vermeintlich – die Möglichkeit zur aktiven Teilhabe an der Exklusivität dieser Welt.

Matthias Harder

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