Ab dem 3. Juni 2022 zeigt die Berliner Helmut Newton Stiftung die neue Gruppenausstellung Hollywood mit Werken von Eve Arnold, Anton Corbijn, Philip-Lorca diCorcia, Michael Dressel, George Hoyningen-Huene, Jens Liebchen, Ruth Harriet Louise, Inge Morath, Helmut Newton, Steve Schapiro, Julius Shulman, Alice Springs und Larry Sultan. In Vitrinen werden zusätzlich Fotografien von George Hurrell sowie Publikationen von Annie Leibovitz und Ed Ruscha präsentiert.

Helmut Newton ist für Gruppenausstellungen wie dieser stets Ausgangs- und Bezugspunkt; in seiner Fotografie hat er sich immer wieder auf das Kino bezogen, aber auch konkrete Filmszenen zitiert, etwa von Alfred Hitchcock oder der französischen Nouvelle Vague. So wirken einige seiner Modeinszenierungen seit den 1960er-Jahren geradezu kinematografisch, und manche Porträts seit den 1970er-Jahren wie kunstvolle Film-Stills. In den 1980er und 90er-Jahren wiederum fotografierte Newton während des Filmfestivals auch Schauspieler*innen oder Mode an der Croisette von Cannes.

In der neuen Gruppenausstellung werden darüber hinaus dreizehn Fotografinnen und Fotografen mit ihren Interpretationen von Hollywood präsentiert, wie üblich in größeren Werkgruppen. Der Hauptraum ist dem Medium Film und dem System Hollywood in unterschiedlichen Aspekten gewidmet: Schauspieler*innen-Porträts aus der frühen Hollywood-Zeit von Ruth Harriet Louise und George Hoyningen-Huene, weiterhin spätere Standbilder und Filmsets von Steve Schapiro und mehreren Magnum-Fotograf*innen, darunter Eve Arnold und Inge Morath, die 1960 während der Dreharbeiten des John Huston-Film „Misfits“ fotografierten.

In einer Glasvitrine wird überdies eine umfangreiche Portfolio-Mappe aus dem Besitz von Helmut Newton mit etwas späteren Aufnahmen von George Hurrell präsentiert, der Ruth Harriet Louise 1930 als wichtigster Hollywood-Porträtist der großen Filmstudios ablöste. Im gleichen Raum, etwas separiert, hängen weiterhin fünf großformatige Farbaufnahmen aus Larry Sultans Bildserie „The Valley“, mit der er die Pornofilm-Industrie nahe Hollywood untersucht hat, der größten überhaupt, gewissermaßen die ebenso lukrative Schattenseite der strahlenden Glamourwelt. In einem anderen Raumkompartiment sind fünf große, formal reduzierte Schwarz-Weiß-Porträts aus Los Angeles von Anton Corbijn präsentiert, von Clint Eastwood bis Tom Waits. In einer weiteren Vitrine sind die berühmten Hollywood-Porträts von Annie Leibovitz ausgebreitet, die sie jedes Jahr für Vanity Fair fotografiert: die Oscarpreisträger*innen in panoramatischen Gruppenporträts als Klappcover des Magazins. So wird in diesem Raum der historische Bogen über ein ganzes Jahrhundert geschlagen, von den frühen Starporträts der 1920er-Jahre, die als vorbildhaft gelten können, bis in die heutige Zeit Hollywoods, von Vintage Prints unterschiedlicher Größen bis hin zu Zeitschriftenreproduktionen.

Im hinteren Ausstellungsraum liegt der Schwerpunkt auf der Stadt Los Angeles; hier sind Julius Shulmans Architekturaufnahmen der legendären Villen in den Hollywood Hills oder Beverly Hills zu sehen, architektonische Ikonen der L.A.-Moderne, in denen manche Filmstars oder Produzenten lebten oder die gelegentlich zum Filmset wurden. Demgegenüber zeigt uns Michael Dressel seine kontrastreichen, teilweise schonungslosen Porträts der Gescheiterten und Desillusionierten oder auch Hollywood-Touristen. Es sind flüchtige Begegnungen, die durch ihre Spontanität und situative Komposition bestechen. Jens Liebchens Farbbildserie „L.A. Crossing“ entstand ab 2010 im Rahmen des von Markus Schaden initiierten Projekts „La Brea Matrix“ auf den Spuren von Steven Shore. Aus seinem Mietwagen heraus fotografierte Liebchen vermeintlich unspektakuläre Straßenszenen, die sich in Form der Bildsequenz als empathisch-soziologische Gesellschaftsstudie entpuppt. Ihm gegenüber hängt Philip-Lorca di Corcias „Hustler“-Serie aus den 1990er-Jahren, also Porträts männlicher Prostituierter rund um den Santa Monica Boulevard. Im Bildtitel wird der Name der Porträtierten ebenso angegeben wie ihr Herkunftsort und ihr Stundensatz, der sich hier allerdings auf das Foto-Honorar bezieht. In der zentralen Vitrine wird Ed Ruschas legendärer Leporello „Every Building at the Sunset Strip” von 1966 aufgeblättert und bildet den architektonisch-gesellschaftlichen Bezugsrahmen für die Kollegen, deren spätere Fotografien von den gleichen Orten und Straßenecken in diesem Ausstellungraum an den Wänden hängen.

Eine andere Art von „Street Photography“ ist dieses Mal in June’s Room zu sehen, aufgenommen im Jahr 1984 von Alice Springs auf der Melrose Avenue in West Hollywood. Dort begegnen wir der musikbasierten Gegenkultur der Punks und Mods und anderen Selbstdarstellern, die die Straße zur Bühne machen, als sei alles eine Castingshow.

So zeichnet diese Gruppenausstellung das Faszinosum Hollywoods nach, das noch immer viele Menschen auf der Suche nach Jobs in der Filmindustrie nach Los Angeles treibt. Wir sehen einige Stars, offiziell und privat, die Villen der Schönen und Reichen oder filmbegeisterte Touristen sowie zahlreiche Nebenmotive wie Filmrequisiten in den Studios. Die Ausstellung blickt über die gewählten Exponate einerseits 100 Jahre zurück und ist gleichzeitig hochaktuell; es ist eine Hommage an den langsam verblassenden Glanz einer ganzen Epoche, und so wird das kinematografische Storytelling hier mit fotografischen Mitteln fortgesetzt.